Alex Colville – Gemälde und Zeichnungen

Dieser Ausstellungskatalog und die Bilder selbst haben mich einmal gerettet. Und dann ermutigt und begleitet über viele Jahre, eigentlich bis heute. In kaum einem anderen Buch habe ich so kontinuierlich geblättert, gelesen, geschaut und bewundert.

Auf den ersten Blick scheinen es ganz alltägliche Situationen zu sein, die der große kanadische Maler Alex Colville gemalt hat, ein Weltbürger, der die meisten seiner fast 93 Lebensjahre fernab des Kunstbetriebs und des Lärmens der Welt in Wolfville, einem 4000-Seelen-Nest auf Nova Scotia verbracht hat: Eine Mutter steigt mit ihren Kindern ins Auto, rechtzeitig vor einem nahenden Gewitter. Ein paar Krähen fliegen am Flussufer entlang. Ein aus der Schule heimkehrender Junge begrüßt seinen Hund. Ein Paar schaut, vermutlich nachdem es sich geliebt hat, aus dem Fenster in den Schnee.

Aber diese trügerische Sicherheit des Gewohnten löst sich umgehend auf. Colville beobachtet die Wirklichkeit zwar sehr genau, aber nur, um sie vollkommen neu zu konstruieren und zu verdichten zu weiten, gewaltigen, luziden, immer auch irritierenden und ein Geheimnis bewahrenden Erzählungen des Lebens.

Vor dem Hintergrund einer stets spürbaren Gefährdung suchen die Protagonisten seiner Bilder Halt – wie der Maler selbst und ebenso der Betrachter. Konzentriert, still, ganz und gar hingegeben an einen Moment des Alltags, des Friedens. Mehr als diese tiefe, aber eben flüchtige Geborgenheit kann man nicht finden in einer so brüchigen, verwirrenden Welt.

Colvilles intensive Erfahrungen mit der Literatur haben seine Perspektive als Bilderzähler häufig beeinflusst, auch wenn er schließlich, mit Hilfe seiner stupenden und sehr zeitaufwendigen Maltechnik, vor allem aber durch die Konstruktion seiner magischen, die Phantasie bisweilen fast zwingenden Bildräume in Dimensionen weit jenseits des mit Sprache Erfassbaren vorgedrungen ist.

Seine Bilder sah ich zum ersten Mal vor 31 Jahren, ein junger unsicherer Akademiestudent auf Reisen in Berlin, meist voller Zweifel gegenüber der eigenen Wahrheit inmitten zahlreicher Mitstudenten, die mit Chuzpe, heftigem Gestus und breitem Pinsel in kürzester Zeit Kunst und Originalität behaupteten. Von da an war etwas geheilt und ich war mir viel sicherer, wo ich auch in diesen Zeiten auf die Suche gehen wollte und warum.

Veröffentlicht in: Kanon der Literatur – Buchmenschen
Edition Schmitz 2014, S. 22