Die Kostbarkeit des Unausgesprochenen - Quint Buchholz zum 50. Geburtstag

Der Blick geht in die Ferne, durch einen leeren Raum zu einer offenen Tür. Dahinter das Meer. Darüber das Licht. Die Weite des Horizonts. Am Haken an der Wand hängt eine rote Jacke. „Haus am Meer (II.)“ heißt das Bild, das Quint Buchholz 2004 gemalt hat.
Oder: Ein Mann, mit dem Rücken zum Betrachter, den Hut auf dem Kopf, in der Hand einen Koffer, wartet an einem Häuschen. „Boats“ ist auf dem Schild zu lesen. Boote. Und da liegen sie ja auch am Ufer des Sees. Doch in dem Häuschen ist kein Mensch, sondern ein Fisch. Ein Butt mit müdem Gesicht. Was er dem Mann erzählt?

Wären es Sätze, stünde Einiges, das Meiste womöglich, zwischen den Zeilen – so aber verbreiten Quint Buchholz’ Bilder Stille und sprechen doch Bände für den, der sie zum Sprechen bringen will. Denn sie erzählen Geschichten. Voller Poesie, Behutsamkeit, Witz. Von äußerster Präzision, exakt wie Gedichte, sind sie dabei voller Andeutungen. Verhalten zuweilen, als lägen Schleier darüber. Wie über Erinnerungen.
Löwen hüten hier Träume, Katzen schleichen über Schnee. Figuren, wenn sie vorkommen, sind meist von hinten zu sehen oder aus der Ferne. Sie tragen Hüte, Koffer, Aktentaschen, Bücher oder Zeitungen, suchen Mondsteine, ziehen Leiterwagen, sehen Zirkuswagen beim Durch-die-Lüfte-Fliegen zu, sehen aus dem Fenster, übers Meer, die Geige unterm Kinn. Was zählt ist, wohin sie schauen: der Ausblick in die Weite der Welt. Dem Zauber des Vergänglichen und oft des Vergangenen hinterher. Jetzt-Welt ist weitgehend ausgeblendet. Als würde sie stören. Oder ablenken, von dem, was gezeigt wird, indem nicht gezeigt wird. Und umgekehrt.
Das ist ungewöhnlich in unserer lärmenden, schnelllebigen Zeit.

Licht und Schatten

Es wird zum Eigenen, zu dem, was Quint Buchholz auszeichnet. Den führt seine Kunst zur Kunst der Illustration – selbst wenn die, jedenfalls in Deutschland, einen „miserablen Ruf“ hat, als Kunst kaum anerkannt ist. Doch für ihn ist gerade sie und dabei immer wieder besonders „das Malen von Bildern und das Schreiben von Geschichten für Kinderbücher einer der schönsten und wichtigsten Berufe.“
Und er, der sich auskennt mit Geschichtenerzählen, gibt Geschichten über Umschlagbilder und Innenillustrationen ein eigenes Gesicht, Geschichten, die, wie er sagt, immer auch mit ihm und seiner eigenen Bilderwelt zu tun haben müssen, mit dem, was er gerne malen würde. Oft sind sie für Kinder wie für Erwachsene. Viele der Bucherfolge sind ohne seine Bilder kaum vorstellbar, thematisieren große Gefühle, existentielle Fragen: „Sumchi – Eine wahre Geschichte über Liebe und Abenteuer“ von Amos Oz (1993) oder „Hechtsommer“ von Jutta Richter (2004) gehören dazu; jener Roman über Sterben und Tod, mit Licht-und-Schatten Illustrationen wie Schwarz-Weiß-Fotografien. Momentaufnahmen. Eingefroren. Als hielte die Welt in entscheidenden Augenblicken den Atem an.

Bilder wie offene Bücher

Die Palette reicht von nachdenklich-tiefgründig bis aberwitzig, umfasst genauso leichtere Sujets wie „Nero Corleone“ (1995) und „Am Südpol, denkt man, ist es heiß“ (1998) von Elke Heidenreich oder „Gregor“ von Friedrich Ani (2006).
Die inzwischen beinahe unzähligen Motive und Bilder, die auch auf Postkarten und Kalendern zu sehen sind, in über 60 Einzelausstellungen im In- und Ausland gezeigt und mit vielen Preisen ausgezeichnet wurden, verbindet dabei neben der technischen Brillanz, der formalen Detailversessenheit und programmatischen Reduziertheit noch etwas anderes: Sie sind wie offene Bücher, die weitererzählt werden wollen.
Dass sie genau diese Möglichkeit tatsächlich in sich bergen, zeigen Buchprojekte wie das „BuchBilderBuch“ (1997), „Am Wasser“ (2000) und „Wer das Mondlicht fängt“ (2001), wenn Autorinnen und Autoren wie T.C. Boyle, Peter Høeg, Ernst Jandl, Michael Krüger, Cees Nooteboom, George Tabori, Johanna und Martin Walser Bilder-Geschichten zu Buchholz-Bildern schreiben – das Ergebnis so überraschend wie vielseitig.

Erfolg und Rückzug

Das Cover zum Bestseller „Sofies Welt“ von Jostein Gaarder (1993) wird zur „Visitenkarte“ – danach stehen Quint Buchholz die Türen endgültig offen. Seine eigenen Bilderbücher „Schlaf gut, kleiner Bär“ (1993) und „Der Sammler der Augenblicke“ (1997) bescheren ihm zum nationalen auch den internationalen Erfolg. Doch darauf kommt es ihm nicht an. Die gradlinigen Geschichten interessieren ihn weniger, selbst wenn es sich um seine eigene handelt. Das Bild des Künstlers als „brachiales Urgestein“, der unbeirrbar seinen Weg geht, hält er ohnehin für Wunschdenken der Vermarkter. Seine eigene Erfahrung ist anders: „Nach „Am Südpol …“ war ich wirklich leer“, sagt Quint Buchholz.
Er entscheidet sich, den Erfolg nicht einfach weiter zu bedienen, sucht Abstand, zieht sich aus dem Getriebe zurück. Viele Monate probiert er aus und verwirft, malt eine Zeitlang gar nicht mehr. „Es gibt zwischendurch Phasen, in denen man nicht mehr weiß, wo es langgeht. Auf das Erprobte willst du dich nicht länger verlassen – aber was kommt statt dessen? Du kannst nur versuchen, dich dieser Unsicherheit anzuvertrauen.“
Bei ihm entstehen daraus Objekte aus gefundenen und selbst gemachten Dingen, gesammelte Augenblicke, die Quint Buchholz wie auf einer Bühne in Kästen zusammenfügt. „Die Kästen waren nicht planbar und in keiner Weise verwertbar. Sie waren zu nichts anderem gut als zum Anschauen – da konnte ich geschehen lassen. Es hat mich frei gemacht.“ Danach malt er großformatig, auf Leinwand, Bilder, die noch „leerer“ sind als seine Illustrationen. Weil er weglässt, was ihm nicht notwendig erscheint, kommen sie mit immer weniger Elementen aus und damit seinem Begriff von Schönheit immer näher. „In einer Welt, in der das Hässliche dominiert und die Menschen von Eindrücken und Anforderungen überschüttet und ständig abgelenkt sind, ist es ein legitimes Anliegen der Kunst, Orte zu schaffen, an denen es schön ist. An denen man ausruhen kann, durchatmen, bei sich sein.“

„In meine Bücher lege ich mein Herz“

Genau so gut könnte die gleichnamige Auswahl aus dem „BuchBilderBuch“ (1997) heißen: In meine Bilder lege ich mein Herz. Denn das zeigen sie immer wieder: Quint Buchholz’ eigene freie Arbeiten wie die Illustrationen wie die Buchtitel. Bilder als Forum für eigene Bilderwelt. Sie wecken Gefühle von Geheimnis und Sehnsucht, manchmal von Melancholie, Verlorenheit. Sie machen es einem nicht immer leicht, aber sind immer intensiv. Und brauchen mehr als nur einen schnellen Blick. Wenn jeder Federstrich zählt, in der eigenen Buchholz-Technik, die der Maler entwickelt hat, über die er allerdings nicht gerne spricht. Denn was kann eine Methode schon aussagen. Wie viel Präzision und Konzentration sie verlangt, ist zu ahnen, wenn Flächen mittels eines Fixativzerstäubers mit stark verdünnter farbiger Tusche besprüht werden, um anschließend mit Feder oder feinem Pinsel hineinzuzeichnen. In allen Farbtönen und Schattierungen. Punkt für Punkt, Schicht für Schicht.
Dass dieser Prozess lange dauert, stört Quint Buchholz nicht. Im Gegenteil: Er ist einer, der gerne behutsam arbeitet und es genießt, einem Bild bei seiner Entstehung in aller Ruhe zuschauen zu können. Für den „die Bilder, aber vor allem der Zustand des Malens selbst zu einem Ort wurde, an dem ich sein konnte und
mich geborgen fühlte.“ Einer, der seine Bilder nicht beendet, geschweige denn vollendet. Sondern sie vielmehr verlässt: „Meistens höre ich irgendwann auf, nicht, weil es stimmt, sondern weil ich mehr nicht weiß im Moment.“

„Jedes Bild muss ein Geheimnis bewahren. Ich bin nur der Sammler. Ich sammle Augenblicke“

Es ist ein künstlerisches Credo, das Quint Buchholz Max, den Maler, im „Sammler der Augenblicke“ sagen lässt. Augenblicke wie diese: Ein Butt mimt den Bootsverleiher, im Haus am Meer ist die Ruhe mit Händen zu greifen. Surreales mitten am Rand, das Paradoxe, an der Grenze der realen zur nicht-realen Welt, zunehmendes Aussparen, offene Leere, die der Betrachter selbst füllen kann – Quint Buchholz schafft Räume der Fantasie. Erschafft Freiräume für das Unverhoffte, Ungeahnte, von dem wir sonst nicht einmal träumen könnten. Augenblicke, gesammelt auf der Suche nach dem, worum es ihm geht – ein großes Wort, das er nur vorsichtig ausspricht: um „Wahrhaftigkeit“.
In ihrem poetologischen Gedicht „Wahrlich“ thematisiert die österreichische Autorin Ingeborg Bachmann die Kunst des Unausgesprochenen. Worten nach, die bestehen: „Einen einzigen Satz haltbar zu machen, / auszuhalten im Bimbam von Worten. / Es schreibt diesen Satz keiner, / der nicht unterschreibt.“
Die Kostbarkeit des Unausgesprochenen – Quint Buchholz vertraut ihr, glaubt an sie.
Malen, hat er einmal gesagt, sei für ihn die Möglichkeit, sich auszudrücken, „dort, wo ich mit meinen Worten nicht mehr weiterkomme.“ Solche Bilder gehören zu denen, die gemalt werden wollen, gemalt werden müssen. Erzählt oder eben: verschwiegen.
Im Bimbam von Bildern haben sie Bestand.

Christine Knödler, 2007