Das erstemal habe ich das Bild bei Quint Buchholz selbst gesehen, in
Naburg am Rhein, Ende der achtziger Jahre, in den guten Jahren, als er
noch auf Schloß Buchholz wohnte.
Wo unsere Frauen und Kinder waren, weiß ich nicht mehr. Alles andere
aber habe ich noch deutlich vor mir: die große Küche (wir landeten
in jenen Jahren immer in der Küche), die Lampe, unter der wir saßen,
an den Wein erinnere ich mich, die Stille der Nacht, die Alterslast des
Hauses, die momentane Abwesenheit der Uhrzeit. An die Gewißheit
des Augenblicks, in dem Quint zu dem verborgenen Zentrum vorstieß,
das wir den ganzen Abend über umkreist hatten. „Wo entsteht
des Bild?“ fragte er.
Es war deutlich, daß er eine Antwort verlangte. Zum erstenmal sah
ich bei dem Menschen Quint die Gefährlichkeit, die ich bis dahin
nur in seinen Bildern gesehen hatte.
Ich wiederholte - wie kann man diese Frage anders beantworten als mit
einer Wiederholung -, was Künstler immer geantwortet haben: Wenn
ein Mensch schöpferisch tätig ist, durchströmt den Arbeitenden
eine Klarheit, die nicht ihm gehört, ein unbenennbares Licht, das,
wenn es Form annimmt, von seiner Biographie und Persönlichkeit gefärbt
wird.
Quint ließ mich ausreden, dann stand er auf, ich folgte ihm durch
mehrere Zimmer und einen kurzen Flur, der zur Bibliothek führte.
Er öffnete die Tür und machte das Licht an. Unter zwei Lampen
stand eine Anordnung wie auf diesem Bild.
Quint schwieg.
Die beiden ersten naheliegenden Erklärungen für das Stilleben
erledigten sich von selbst. Sein Sinn konnte nicht sein, daß die
Qualität eines Buches die von zehn anderen aufwiegen kann; denn Quint
hatte es bei mehreren Gelegenheiten abgelehnt, Kunst zu bewerten, da dies
der Versuch sei, dem Erlebnischaos durch dessen Projektion auf eine lineare
Skala zu entrinnen.
Der Widerspruch zu dieser Erklärung - der Stein, die Unterlage und
die Balance als Bild der pkysikalischen Gesetze, über die die Literatur
erhaben ist - war zu handfest.
Ich war verwirrt. Vor mir die barocke, scharf beleuchtete Balance. Neben
mir Quints erwartungsvolles Schweigen.
Ich spielte mit der Möglichkeit einer tiefsinnigen (und gesuchten)
Allegorie, daß er hatte sagen wollen, man könne von einem Werk
(ohne damit dessen Qualität zu beurteilen) behaupten, es wiege mehrere
andere auf. So, wie Bachs h-moll-Messe nach Quints Meinung die geistliche
Vokalpolyphonie der Renaissance abrundet und MFK Fishers The Gatronomical
Me - wie er immer behauptet hatte - den Schlußpunkt von 200 Jahren
gastronomischer Essayistik bildet.
Einen kurzen, benommenen Augenblick lang überlegte ich, ob die Balance
vor mir physische Wirklichkeit sei. Ob das eine Buch links sehr schwer
sei - wie auf dünnen Goldplatten gedruckt - oder es sich bei den
rechten um ganz leichte Attrappen handele.
Da knipste Quint noch eine Lampe an. In ihrem Schein sah ich die Vorstudien
dieses Bildes, das ich nicht - jetzt schon gar nicht mehr - als das andgültige
bezeichnen kann.
Da waren, schätze ich, über fünfzig. Von der für seine
Bilder üblichen Kombination aus Leichtigkeit und unmenschlicher Genauigkeit
hatten diese nur die Leichtigkeit. Sie waren sehr schnell gemalt worden
und auf den ersten Blick gleich. Erst nach einer gewissen Zeit trat der
Unterschied hervor. Vom ersten bis zum letzten Bild war eine entscheidende
- soll ich sagen unwiderrufliche? - Veränderung eingetreten.
Als Quint sprach, hörte ich plötzlich, wie müde er war.
Müde und doch voller Triumph. „Ich will Dinge sehen, wie
sie sind. Unverhüllt. In gewisser Weise ist das gelungen. Ich habe
sie gesehen. Indem ich gemalt habe. Die Frau. Das Kind. Das Tier. Den
Wein.
Das Buch. Ich habe alles gemalt. Jetzt bin ich vierzig. Jetzt will ich
das letzte malen, das einzige, was ich noch nicht gesehen habe. Die Quelle.
Das Licht. Das wir immer erst sehen, wenn es ankommt. Ich will ein Objekt
malen und gleichzeitig die Quelle, aus der die Kraft zum Malen kommt.
Ich habe eine Woche lang nicht geschlafen. Ich habe jeden Tag rund um
die Uhr sieben Bilder gemalt. In jedem Bild ist ein Teil von mir der Quelle
ein bißchen mehr zugewandt. In vierzig Jahren sehe ich direkt hinein.“
Er ging zur Tür. „Wenn es gelingt“, sagte er, „fängt
man an zu verschwinden. Beim ersten Bild habe ich gespürt, wie mir
langsam ein Punkt unter dem linken Auge abhanden kam. Im letzten war die
eine Hälfte des Gesichts weg.“
Er blieb einen Augenblick stehen und sah mich an. Dann war er fort.
Ich ging zu der Anordnung hin. Das linke Buch war eine in den 50er Jahren
in England erschienene Anthologie des tibetanischen Mystikers Longchen
Rabjam aus dem 14. Jahrhundert. In das Buch war ein Lesezeichen gelegt
worden. Ich schlug es auf. Quint oder ein anderer hatte einen Satz unterstrichen.
„Suche den Beobachter.“
Und weiter unten: „Richte den Blick auf das Wesen des Bewußtseins.
Niemand sieht, und es gibt nichts zu sehen.“ Am nächsten
Morgen wartete ich vergeblich in der Küche. Er kam nicht. Die Tür
zur Bibliothek war abgeschlossen, aber ich meinte ihn dahinter arbeiten
zu hören. Mein Bus ging noch vor Mittag.
Ich habe ihn seitdem nicht mehr gesehen. Meine Briefe hat er nicht beantwortet.
Der Hanser Verlag sagt mir, daß er kein Telefon mehr habe. Ich begegne
ihm jetzt nur in seinen Bildern. Sie werden immer paradoxer. Flimmernd,
beunruhigend, unwirklich und hellsichtig genau zugleich. Das Licht immer
schärfer und riskanter. Wie er es gesagt hatte. In jedem Bild ist
er der Quelle näher. Die Welt glaubt, Quint Buichholz werde immer
größer. Es ist anders. Die Bilder sind es, die wachsen. Quint
Buchholz verschwindet allmählich. Ich spüre es. Die letzten
hat er fast ohne sich gemalt. Bald ist nur noch die Hand übrig, die
den Pinsel hält. Danach nur noch das Bild. Zuletzt vielleicht nicht
einmal das. Zuletzt vielleicht nur das Licht. |
Die Geschichte von Peter Høeg, aus dem Dänischen übersetzt von Monika Wesemann,
ist dem Band BuchBilderBuch
entnommen. © Sanssouci im Carl Hanser Verlag München - Wien 2004.
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